
“Train-the-Trainer”: Kunststoffrecycling erfordert mehr als Technologie
Der Aufbau funktionierender Kunststoffkreisläufe wird weltweit vorangetrieben. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Recycling häufig weniger an fehlender Technik scheitert, sondern vor allem am fehlenden Verständnis für Materialeigenschaften und Prozesszusammenhänge.
Genau hier setzt das Projekt „RECAP – Förderung des Kunststoffrecyclings in Tunesien und Senegal“ an. Das vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw) gGmbH gemeinsam mit dem Kunststoff-Zentrum SKZ und lokalen Partnern umgesetzte Projekt läuft von Juli 2025 bis Juni 2027 und wird durch die Bayerische Staatskanzlei gefördert. Ziel ist es, durch gezielte Qualifizierung nachhaltige Recyclingstrukturen vor Ort aufzubauen.
Bedarfsanalyse als erster Projektschritt
Bereits vor Beginn der Schulungen führten die SKZ-Experten Dr. Hermann Achenbach (Senegal) und Philipp Wohlfahrt (Tunesien) aus der Gruppe Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft eine Bedarfsanalyse vor Ort durch. Gemeinsam mit lokalen Partnern wurden bestehende Recyclingstrukturen sowie konkrete Herausforderungen und Qualifizierungsbedarfe erfasst. Die Ergebnisse flossen direkt in die Konzeption der Schulungsinhalte ein und sorgten für einen praxisnahen Bezug zu den regionalen Anforderungen.
Schulungen vor Ort in Tunis und Dakar
Im Frühjahr 2026 führten die SKZ-Trainer Marco Rabensteiner und Mathias Ruckdeschel Schulungen in Tunis (Tunesien) und Dakar (Senegal) durch. Zielgruppe waren Fachkräfte aus der gesamten Abfall- und Recyclingkette – von Sammlung und Sortierung bis zur Aufbereitung und Weiterverarbeitung. Der Bildungshintergrund der Teilnehmenden reichte dabei von praktischer Erfahrung bis hin zu akademischer Ausbildung.
„Nachhaltiger Erfolg im Kunststoffrecycling hängt entscheidend davon ab, ob die Zusammenhänge zwischen Material, Aufbereitung und späterer Verarbeitung verstanden werden. Genau dieses Verständnis haben wir in den Schulungen gezielt aufgebaut“, erklärt SKZ-Trainer Marco Rabensteiner.
Von Materialkunde bis Verarbeitung gedacht
Die Inhalte der Schulungen orientierten sich konsequent an den realen Anforderungen entlang der Wertschöpfungskette. Vermittelt wurden unter anderem:
- Grundlagen der Kunststoff- und Werkstoffkunde
- Kunststofferkennung – manuell und maschinell
- Prozessschritte von der Sammlung über die Sortierung und Zerkleinerung bis zur Aufbereitung
- Regranulierung inklusive Materialvorbereitung, Additivierung und Filtration
- Grundlagen relevanter Prozessparameter zur Qualitätssicherung
- Weiterverarbeitung, u. a. Extrusion, Spritzgießen und Thermoformen
Ein besonderer Fokus lag auf typischen Materialströmen wie PE, PP, PET oder PS/ABS sowie deren Verhalten im Recyclingprozess.
Praxisbezug durch reale Stoffströme und Anlagen
Neben der theoretischen Wissensvermittlung spielte der Praxisbezug eine zentrale Rolle. In Tunesien konnten Teilnehmende unter anderem Recyclinganlagen besichtigen und reale Prozessschritte – von der Wareneingangskontrolle bis zur Aufbereitung – nachvollziehen.
Im Senegal wurde am Beispiel der Mülldeponie Mbeubeuss deutlich, welche Herausforderungen beim Aufbau funktionierender Kunststoffkreisläufe noch bestehen. Die Teilnehmenden analysierten die dort anfallenden Stoffströme und diskutierten die Auswirkungen begrenzter Erfassungs-, Sortier- und Verwertungsstrukturen auf die Qualität potenzieller Recyclingmaterialien.
Train-the-Trainer für nachhaltige Wirkung
Ein wesentlicher Bestandteil des Projekts war der Train-the-Trainer-Ansatz. Neben fachlichem Know-how waren daher auch Grundlagen der Wissensvermittlung Teil des Programms. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden ihr Wissen eigenständig weitergeben und so langfristig Kompetenz in den Regionen aufbauen.
Unterschiedliche Rahmenbedingungen – gleiche Herausforderungen
Die Schulungen zeigten deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen in Tunesien und im Senegal unterscheiden, die zentralen Herausforderungen jedoch vergleichbar sind. Insbesondere schwankende Materialqualitäten, fehlende Prozesssicherheit und begrenztes Wissen über Zusammenhänge entlang der Wertschöpfungskette erschweren den Aufbau stabiler Recyclingprozesse.
Wissen als Schlüssel für funktionierende Kreisläufe
Die Rückmeldungen der Teilnehmenden zeigen, dass insbesondere das bessere Verständnis für Material- und Prozesszusammenhänge einen direkten Mehrwert bietet.
Zusammenhänge zwischen Materialqualität, Aufbereitung und Verarbeitung konnten klarer eingeordnet und auf die eigene Praxis übertragen werden. Gleichzeitig förderten die Schulungen den Austausch zwischen den Akteuren und trugen zur Vernetzung entlang der Kunststoffwertschöpfungskette bei.
Fazit: Kompetenzaufbau als Grundlage der Kreislaufwirtschaft
Das Projekt RECAP zeigt, dass der Aufbau funktionierender Kunststoffkreisläufe nicht allein eine Frage der Infrastruktur ist. Entscheidend ist vor allem der Aufbau von Know-how entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Mit ihrem Engagement leisten das SKZ und seine Partner einen wichtigen Beitrag zur internationalen Qualifizierung von Fachkräften und schaffen damit eine Grundlage für nachhaltige und stabile Recyclingstrukturen.
Das SKZ ist ein Klimaschutzunternehmen und Mitglied der Zuse-Gemeinschaft. Diese ist ein Verbund unabhängiger, industrienaher Forschungseinrichtungen, die das Ziel verfolgen, die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, insbesondere des Mittelstandes, durch Innovation und Vernetzung zu verbessern.
SKZ – Das Kunststoff-Zentrum
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