Digitalisierung liefert nur das Werkzeug

Die Hannover Messe läuft und zeigt imposante Fortschritte im Bereich Industrie 4.0. Ist das ein Bild der Zukunft? Nein, gezeigt wird heutige Realität und eine Vorschau auf einen kurzen Zeitraum von vielleicht 2 bis 3 Jahren. Vernetzung, Automatisierung, IoT, additive Fertigung, künstliche Intelligenz und Plattformindustrie liefern erhebliche Effizienzgewinne, die zurzeit gerade produzierenden Unternehmen helfen. Langfristige Entwicklungen und neue Anwendungsszenarien werden die Wirtschaft noch gravierender verändern und Trends verstärken, die Kräfteverhältnisse derart verändern, dass Unternehmen sich strategisch darauf einstellen müssen.

1. “Everything as a Service” macht neue Wettbewerber stark

Amazon ist nicht nur der dominierende Online-Marktplatz, sondern das Unternehmen hat es auch verstanden, IT in ein skalierbares und leistungsstarkes Cloud-Produkt zu verwandeln, die Amazon Web Services (AWS). Innerhalb weniger Stunden können Start-ups für wenig Geld komplexe digitale Leistungen zusammenklicken, für die große Unternehmen noch vor nicht allzu langer Zeit jahrelange Entwicklungsarbeit brauchten. Dieses Erfolgsprinzip verlässt die reine Informationstechnologie und erobert die Welt der realen Dinge. Dort, wo Produktion und Logistik digital gesteuert werden, ist eine Manufacturing-Cloud, aus der nach Bedarf Produkte und Leistungen bezogen werden können, nur noch eine Frage des Geschäftsmodells. So hat das Berliner Unternehmen Kreatize beispielweise eine Plattform für Bauteile und Prototypen etabliert. Zurzeit müssen dort noch Angebote eingeholt werden, wenn es aber gelingt, Geschäftsprozesse und Angebotsverhandlungen als digitale Prozesse zu implementieren, ist es nur noch ein Schritt, zur Beauftragung in Echtzeit. Die dafür notwendigen Technologien sind in Hannover bereits sichtbar.


Dieser Trend konsequent zu Ende gedacht führt zu einer autonomen Produktion inklusive Beschaffung und Logistik, die sich kontinuierlich selbst optimiert. Über entsprechende Plattformen wird es möglich sein, eine eigene Produktion aufzubauen ohne eine Fabrik oder Fertigungsstraße finanzieren, aufbauen und warten zu müssen. Alles was gebraucht wird, Rohmaterialien, Produktionsanlagen, Transporte zwischen den verschiedenen Standorten und Lagerstätten, kann virtuell gesteuert werden und wird von den beteiligten Cloud-Manufacturing-Partnern nach Aufwand sekundengenau abgerechnet. Das öffnet branchenfremden Unternehmen und Start-ups die Türen, um ohne nennenswerte Investition in bestehende und neue Märkte mit ungeahnter Geschwindigkeit, Vehemenz und Respektlosigkeit einzudringen, wie es im Internet-Business bereits Alltag ist.

2. Kollaborationsmanagement wird zur Königsdisziplin

In einer derart vernetzten Welt gewinnen Unternehmen, denen es gelingt, die eigene Wertschöpfung optimal und kostengünstig zu gestalten. Das, was auf der Hannover Messe derzeit überwiegend zu bestaunen ist, ist fortgeschrittene Robotik. Roboter werden intelligenter und verträglicher, so dass sie besser mit menschlichen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten können (siehe Messe Forum „Automation“). Das wirkt sich bisher aber nur auf die innerbetrieblichen Prozesse aus. Deutliche Steigerungen von Effizienz und Wertschöpfung werden in den nächsten Jahren zusätzlich aus verbesserter Kollaboration von Unternehmen innerhalb eines Wertschöpfungs-Ökosystems entstehen. Das ist durchaus nicht schmerzfrei, denn es bedeutet, dass Unternehmen sich digital öffnen müssen. Da menschliche Verhandlungen zu langsam verlaufen, werden Schnittstellenroutinen viele Aufgaben des Aushandelns und Abstimmens übernehmen. APIs werden damit zum in Programmcode gegossene Kollaborationsmodell. Das ist ein Risiko und eine Chance zugleich. Und der Gedanke führt sicherlich bei vielen Managern zu Unbehagen, denn Kontrolle wird aus der Hand gegeben. Das fällt leichter, wenn ein solcher Schritt in einem Ökosystem zusammenarbeitender Unternehmen stattfindet, in dem ein grundsätzliches Vertrauensverhältnis besteht. Das Management von kollaborativen Beziehungen wird damit zu einer Kernkompetenz des Managements.

3. Experimentelles Unternehmertum wird zur Strategie

Nie wieder wird Geschwindigkeit von Veränderungen so langsam sein, wie heute. Vernetzung, Globalisierung und datengetriebenes Management führen in eine Welt, in der sich Bedingungen, Wettbewerb und Chancen noch schneller und dynamischer verändern. Der chinesische Marktplatz Alibaba zeigt, wie das Geschäftsmodell in Echtzeit optimiert wird. Kontinuierliches Messen Analysieren vielfältiger Daten liefern die Grundlage für automatische Modifikationen von Angeboten. Autonome, datengetriebene Entscheidungsprozesse treiben das Wachstum an. Es reicht Alibaba jedoch nicht, Entscheidungen auf historischen und eher zufällig gewonnenen Daten basieren zu lassen, sondern um eine valide Basis zu haben, werden automatisiert jeden Tag mehrere Tausend Experimente durchgeführt, die die Qualität der Datenbasis auf ein wissenschaftliches Niveau heben. Das sorgt nicht nur dafür, dass durch künstliche Intelligenz getroffene Entscheidungen datenbasiert sind, sondern auf den richtigen Daten basierend.

In den letzten Jahren haben Autoren wie Michael Schrage, Steve Blank und Eric Ries diesen Ansatz zu einer Managementdisziplin (Lean Startup) entwickelt und es sind eine ganze Reihe Werkzeuge entstanden, die dabei helfen, Experimente strategisch in der Unternehmensentwicklung einsetzen zu können. (LINK EXBOARD). Datengetriebene Unternehmen und Innovation können damit eine fruchtbare Allianz eingehen.

4. Wertschöpfung („Value Creation“) erhält eine neue Dimension

Wert für ein Unternehmen zu generieren, gehört zum grundlegenden Handwerkszeug des Managements. Seit den Neunzigerjahren hat sich die Erkenntnis immer weiter verbreitet, dass die Wertschöpfung nicht nur für das Unternehmen, sondern vom Kunden aus gedacht werden muss. Wirklich realisiert ist dieser Ansatz aber längst noch nicht überall. Neuen Auftrieb hat er in den letzten Jahren insbesondere durch den Innovationsdruck in vielen Branchen erfahren. Kunden sind treulos geworden und wechseln schnell zu Anbietern, die ihnen einen Wertvorteil bieten. Damit gelangt Kundenorientierung nicht mehr nur als interne Strategie, sondern als konstituierende Marktanforderung in Unternehmen ein. Kontinuierlich Innovationssprünge zu kreieren und Wertvorteile für Kunden zu schaffen, wird unverzichtbar.

In diesem Umfeld finden nicht nur bewährte Managementmodelle, wie das Lean Management eine neue Begründung, sondern neue Methoden des Innovationsmanagements, wie das bereits benannte Lean Startup oder Design Thinking. Letzteres hat sich mittlerweile zu einem Standardverfahren für Innovation gerade in der digitalen Transformation entwickelt.

Da sich nur managen lässt, was auch gemessen werden kann, ist es unumgänglich, auch über Daten und Analysen eine erweiterte Perspektive der Wertschöpfung kontinuierlich zu gewinnen. Wertgenerierung für Kunden spielt dabei genauso eine Rolle, wie unerschlossene Wertschöpfungspotenziale im Wertschöpfungsökosystem.

5. Entscheidungsalgorithmen erfordern neue Managementkompetenzen

Es ist einfach, über diese Entwicklungen zu sprechen, aber außerordentlich schwer, sie in der Managementpraxis zu berücksichtigen. Manager werden sich von Dingen lösen müssen, die bisher so viel Sicherheit gegeben haben: Verhandlungen und Abstimmungen werden automatisiert und an Algorithmen, künstliche Intelligenz und APIs delegiert. Die Steuerung von Produktion, Leistungserbringung, ja ganzen Wertschöpfungsketten werden von automatisierten Systemen übernommen. Controlling muss sich mit automatisiert erhobenen und analysierten Daten auseinandersetzen und tritt bei datengetriebenen Organisationen in eine nachgeordnete Rolle. Bei Innovationen verlassen Firmen immer mehr die kontrollierten F&E-Prozesse und geben sich agilen Methoden hin.

Behält das Management überhaupt noch eine gestaltende und steuernde Funktion? Wird vielleicht alle Strategie durch Daten und agile Trial-and-Error Prozesse abgelöst? Nein, Management wird sich verändern, aber nicht obsolet werden. Verständnis für Daten und Analyse wird künftig zum Basis-Handwerkszeug gehören. Kollaborationsmanagement erhält einen neuen Stellenwert und neue Managergenerationen werden eine Virtuosität im Umgang mit Unsicherheit und Dynamik entwickeln müssen. Statt linearer Planung wird das Jonglieren mit Experimenten und Lernprozessen immer wichtiger. Fehler und Scheitern stellen dabei auch nur Daten dar, die es zu analysieren gilt, wie andere auch. Die ersten Tools all diese Aufgaben sind bereits entwickelt. Weitere werden folgen.

Es braucht Mut. Es ist wie im Sport. Wer Ski- oder Snowboardfahren, Skaten oder Surfen lernt, wird es nie zu einem befriedigenden Ergebnis, geschweige denn zur Spitze schaffen, wenn alle Muskeln aus Angst verkrampft bleiben.

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Uwe Weinreich ist Experte für Digitalstrategien und Lean Digitization. Unter https://lean-digitization.com/de/blog/ erscheint sein Blog, wie Digitalisierung in Unternehmen schlank umgesetzt werden kann.

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