
„Bisher ist es in Deutschland unüblich, dass die Lärmbelastung langfristig überwacht wird“, erklärt Steffens. Denn beispielsweise die hohen Kosten für einige wenige Messgeräte seien ein Problem. Diese sind für das Forschungsprojekt LärmLAB überschaubar geworden, da Steffens preiswerte elektronische Komponenten, Freeware und Messgeräte in hoher Stückzahl bestellt hat. An insgesamt 67 Stellen erfassen diese seit Anfang 2025 kontinuierlich den Schallpegel. Noch bis Ende 2026 wird gemessen.
Das interkommunale Forschungsprojekt LärmLAB wird vom Hessischen Ministerium für Digitalisierung und Innovation mit über 1,13 Millionen Euro aus dem Programm „Starke Heimat Hessen“ unterstützt.
Beteiligt sind die Kommunen Burghaun, Haunetal, Hauneck, Bad Hersfeld, Ludwigsau, Bebra, Ronshausen und Wildeck, die im Bereich der neu geplanten ICE-Strecke Fulda-Gerstungen liegen. Diese und die Bestandsstrecken erzeugen Lärm. Neben dem Schallpegel werden das Wetter mit Wind, Niederschlag, Luftdruck, Feuchte sowie die Art und Anzahl vorbeifahrender Fahrzeuge oder Züge erfasst.
„Bei den bisher gültigen Normen für Lärmmessung wird nur für eine sehr kurze Zeit gemessen oder die Anzahl der vorbeifahrenden Fahrzeuge gezählt und auf Grundlage dieser Daten die Lärmbelastung berechnet. „Wir messen kontinuierlich alles, was da ist, über hunderte Tage“, erklärt der THM-Professor. Während bei klassischen Berechnungen beispielsweise davon ausgegangen wird, dass sich alle Verkehrsteilnehmenden an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten, beziehungsweise auf Autobahnen eine Durchschnittsgeschwindigkeit zugrunde gelegt wird, erfasst das LärmLAB die Realität – mit Staus und auch zu schnell fahrenden Fahrzeugen.
Ziel des Forschungsprojektes ist es, ein KI-Modell mit den erfassten Daten zu trainieren. Das soll Muster in der Geräuschmessung erkennen und zuordnen, welche Fahrzeuge an der Messstation vorbeigefahren sind – ob auf der Straße oder der Schiene. „Die vorhandenen Trainingsdatensätze und Modelle sind Großteils aus den USA. Dort fahren allerdings Autos auf den Straßen und Züge auf den Schienen, die es in Deutschland nicht gibt“, sagt Steffens. Für die KI-Anwendung misst Steffens nicht nur den Schall, sondern erfasst mit optischen Sensoren die Fahrzeugtypen – Pkw, Transporter, Lkw, Personenzug, ICE oder Güterzug.
Für die am Projekt beteiligten Kommunen in Osthessen entsteht der positive Nebeneffekt, dass sie genau wissen, wie laut es in ihrem Gebiet ist. „Damit können sie beispielsweise in die Verhandlungen mit der Bahn treten, um sinnvolle Schallschutzmaßnahmen zu treffen“, erklärt Steffens. Bisheriges Ergebnis seiner Messungen: An fast allen Stellen war es deutlich zu laut. Er orientiert sich dabei an den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation WHO. So hat er auch festgestellt, dass in Wohngebieten aber auch an Krankenhäusern, Schulen und Altenheimen häufig Grenzwerte überschritten werden und Schallschutzwände nicht den gewünschten Effekt für die Anwohnerinnen und Anwohner haben.
„Wir möchten unser Messsystem gerne weiteren Kommunen oder Bürgerinitiativen zur Verfügung stellen, um auch an anderen Orten Lärm zu messen“, erklärt der Professor. Damit bekämen diese eine belastbare Grundlage nach gültiger Norm und dank geeichter Geräte in bester Qualität. „Unser Projekt hat bisher gezeigt, dass wir eine bezahlbare Lösung mit qualitativ hochwertigen Ergebnissen liefern können. Das entwickeln wir weiter.“ Geplant ist eine automatisierte Datenauswertung, um den Kommunen die Analyse und Interpretation der Messwerte zu erleichtern.
Zusätzlich hat Steffens mit seinem Team eine Virtual-Reality-Anwendung entwickelt, um die neue ICE-Strecke in Osthessen erlebbar zu machen. Mit ihr wird deutlich, welche Höhe Schallschutzwände haben müssten, um die Menschen vor dem zusätzlichen Verkehrslärm zu schützen. „Diese Anwendung kann auch auf andere Orte übertragen werden“, erklärt er.
Die aktuellen Messdaten aus Osthessen sind live unter www.lärmlab.de einsehbar. An einer Lärmmessung interessierte Kommunen sowie Bürgerinnen und Bürger können sich per E-Mail unter info@LaermLAB.de oder telefonisch unter 0177-3809620 melden.
Die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) ist eine der größten Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) in Deutschland und bietet über mehr als 80 Studiengänge an 12 Fachbereichen und das duale Studienangebot von „StudiumPlus“ an. Die Hauptstandorte Friedberg, Gießen und Wetzlar liegen verkehrsgünstig in der hessischen Rhein-Main-Region. Die derzeit mehr als 15.600 Studierenden der THM profitieren von bewährten Studienbedingungen und kleinen Lerngruppen sowie von der Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen. Unter den HAWen zeichnet sich die THM durch ihre anwendungsbezogene Forschungsstärke aus. Neben acht eigenen, interdisziplinären Kompetenzzentren besteht eine Zusammenarbeit mit den Universitäten in Gießen und Marburg, über die auch kooperative Promotionen in den Ingenieurwissenschaften möglich sind. Als erste HAW eröffnete die THM 2016 zudem ein eigenständiges Promotionszentrum und besitzt seither das Promotionsrecht für den Doktoringenieur.
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